Im Winter 1913 stieß ein Deicharbeiter an der ostfriesischen Küste auf etwas, das unter dem Deich eigentlich nicht existieren durfte.
Nach einer schweren Sturmflut wurde bei Reparaturarbeiten am Liniendamm zwischen Knock und dem Krummhörner Polder eine ungewöhnliche Konstruktion freigelegt. Unter der bekannten Deichschüttung lagen präzise angeordnete Holzbohlen – gleich breit, regelmäßig voneinander entfernt und in mehreren Schichten rechtwinklig übereinandergelegt.
Der Deichinspektor Heinrich Vorbeck maß die Konstruktion selbst aus. Die Bohlen waren exakt 21 Zentimeter breit, die Abstände lagen bei nur wenigen Millimetern Unterschied. Noch ungewöhnlicher war ihre Lage: Nach den erhaltenen Bauunterlagen durfte sich an dieser Stelle unter dem Deich keine solche ältere Konstruktion befinden.
Vorbeck verfasste einen ausführlichen Bericht mit Maßtabelle und Zeichnungen und schickte ihn an die zuständige Behörde in Aurich.
Der Bericht ist heute verschwunden.
Seine Existenz ist jedoch im Eingangsregister dokumentiert. Die Registriernummer ist erhalten, ebenso Vorbecks Begleitschreiben und das Verzeichnis der fehlenden Anlagen. Neben dem späteren Archivvermerk steht lediglich ein Wort: „entnommen“.
Was danach geschah, ist nur noch aus privaten Briefen und Familienüberlieferungen rekonstruierbar. Ein kleines Stück der ungewöhnlichen Holzstruktur wurde vor dem Verschließen des Deiches herausgesägt. Der Deicharbeiter Heinrich Rüchel nahm es an sich. Jahrzehnte später wurde es in seiner Familie noch immer als schweres, ungewöhnlich dichtes Stück Holz verwendet – schließlich sogar als Senkgewicht für Fischernetze.
1983 nahm ein Heimatforscher das Stück in die Hand und bemerkte etwas, das ihn stutzig machte.
Er behauptete, das Material sei kein gewöhnliches Eichenholz. Noch wichtiger: Er sagte, er habe ein ähnliches Stück bereits früher gesehen – an einem völlig anderen Ort.
Was lag 1913 tatsächlich unter dem ostfriesischen Deich?
War die Holzkonstruktion ein vergessener Teil einer älteren Deichanlage, eine historische Küstenschutztechnik oder etwas, das schon lange vor dem dokumentierten Wiederaufbau an dieser Stelle existierte?
Und warum verschwand ausgerechnet der Bericht, der die Konstruktion mit Maßen und Zeichnungen dokumentierte?
Eine Geschichte über Sturmfluten, alte Deiche, verschwundene Akten und ein Stück Holz, das fast siebzig Jahre lang unbeachtet in einer Familie weitergegeben wurde.
