Der Schwarze Tod kam nicht aus dem Osten — was die Rechnungsbücher von 1350 verzeichnen
In einem Magazin des Stadtarchivs Lübeck liegt ein schmales Rechnungsbuch aus dem Jahr 1350. Keine Chronik, keine Erzählung — eine Kostenaufstellung. Links Ausgaben für Bretter, Nägel und Karrenmiete. Rechts steht, wofür: für das Ausheben von Gruben vor dem Burgtor. Der Schreiber nennt keine Krankheit und keine Ursache. Er rechnet ab — über Monate, in denen die Stadt mehr Bretter kaufte als in den zehn Jahren davor zusammen.
Offiziell kennt jedes Schulkind den Ablauf: Im Oktober 1347 laufen zwölf Galeeren aus dem Schwarzen Meer in Messina ein, die Seuche geht mit ihnen an Land, wandert über Italien und Frankreich, erreicht 1348 den Süden des Reiches und 1349 die Städte an Nord- und Ostsee. Ausgangspunkt: der Osten. Träger: Handelsschiffe. Überträger: Ratten und ihre Flöhe. Der größte Teil davon ist gut belegt.
Diese Spurensuche beginnt nicht mit einer Verschwörung, sondern mit dieser offiziellen Version — und dann mit dem, was in den Rechnungsbüchern steht und sich mit ihr nicht deckt.
Drei Fragen lassen sich nicht wegdiskutieren. Erstens das Tempo: Ratten wandern nicht über Land, sie leben im Umkreis weniger hundert Meter — die Ausbreitung war schneller, als sich Waren damals bewegten. Zweitens die Jahreszeit: Rattenflöhe werden unter zehn Grad träge, doch in nordeuropäischen Stadtbüchern laufen die Ausgaben für Gruben und Bretter auch im Januar und Februar weiter. Drittens die Ratten selbst: Aus dem 14. Jahrhundert gibt es aus Nordeuropa kaum Berichte über Massensterben bei Ratten — von verendetem Vieh berichten dieselben Chronisten sehr genau.
Der Erreger steht fest: Untersuchungen an Zähnen aus Massengräbern haben Yersinia pestis zweifelsfrei nachgewiesen. Offen ist der Weg, den die Seuche nahm.
Dazu kommt, was von jenen Jahren im Boden liegt. Wenn ein Drittel bis die Hälfte der Bevölkerung stirbt, verschwinden nicht nur Menschen, sondern Orte. Für das späte Mittelalter zählt die Forschung im deutschsprachigen Raum mehrere zehntausend aufgegebene Siedlungen. Vermessungsflüge mit Laserabtastung rechnen heute den Wald aus dem Bild heraus — und unter geschlossenem Baumbestand treten Hausgrundrisse, Hohlwege und Ackerterrassen hervor. Ein Wald, der wie unberührte Natur aussieht, zeigt im Laserbild ein Straßenraster.
Und noch etwas steht in den Akten: Aus einer medizinisch falschen Theorie — der Lehre von der verdorbenen Luft — entstand eine Maßnahme, die bis heute gilt. 1377 verfügte der Rat von Ragusa, dem heutigen Dubrovnik, dass Ankömmlinge aus verdächtigen Gebieten warten mussten, bevor sie die Stadt betraten. Aus vierzig Tagen, quaranta giorni, wurde das Wort Quarantäne.
Was denkst du — was liegt im Archiv deiner Stadt in einem Buch, das niemand aufschlägt, weil es nur Zahlen enthält? Und wenn du das nächste Mal durch einen Wald gehst, in dem die Böschungen zu gerade sind für Natur: Wer hat dort gewohnt?
