Die nächste „Pandemie“ beginnt womöglich nicht im Krankenhaus, sondern im Labor
Ein neues WHO-Dokument zur Vogelgrippe enthält einen Satz, der nach den Erfahrungen der Corona-Jahre besondere Aufmerksamkeit verdient: Für die internationale Meldung bestimmter laborbestätigter Influenza-A-Infektionen mit Pandemiepotenzial ist kein Nachweis einer Erkrankung erforderlich.
Mit anderen Worten: Ein Mensch muss weder Fieber noch Husten haben, er muss sich nicht krank fühlen und überhaupt keine Symptome zeigen. Wird eine entsprechende Infektion im Labor bestätigt, muss der Fall trotzdem an die WHO gemeldet werden.

Das ist zunächst eine Regel zur epidemiologischen Überwachung – noch keine Pandemieerklärung. Doch genau hier beginnt die kritische Frage: Was passiert, wenn künftig massenhaft getestet wird und dadurch immer mehr symptomfreie Menschen als „Fälle“ in den Statistiken erscheinen?
Wir haben während Covid erlebt, welche politische Macht Fallzahlen entwickeln können. Positive Tests bestimmten Quarantäne, Kontaktverfolgung und teilweise den Zugang zu Arbeit, Reisen oder öffentlichen Einrichtungen. Falsch-positive PCR-Ergebnisse kamen dabei tatsächlich vor. Eine Untersuchung von mehr als 24.000 SARS-CoV-2-Proben identifizierte unter anderem Kontamination und Laborfehler als Ursachen falsch-positiver Ergebnisse.
Vom gesunden Menschen zum gemeldeten „Fall“
Genau deshalb ist die Wortwahl entscheidend. Ein positiver Labornachweis macht einen symptomfreien Menschen nicht automatisch „krank“. Er macht ihn zunächst zu einem laborbestätigten Infektionsfall.
Die WHO selbst schreibt, dass eine aktuelle Infektion nicht ausschließlich mittels PCR bestätigt werden kann: Auch Virusisolierung oder bestimmte serologische Untersuchungen kommen infrage. Für die internationale Meldepflicht ist eine klinische Erkrankung ausdrücklich nicht Voraussetzung. (Weltgesundheitsorganisation)
Damit entsteht eine Trennung, die politisch enorm wichtig werden kann:
Fallzahl und Krankheitslast sind nicht dasselbe.
Wenn Tausende positiv getestet werden, sagt diese Zahl allein noch nicht, wie viele Menschen tatsächlich erkranken, schwer erkranken oder sterben. Wer eine zukünftige Krise beurteilen will, müsste deshalb neben Infektionszahlen auch Symptome, Hospitalisierungen, schwere Verläufe, Todesfälle und tatsächliche Übertragung betrachten.
Kann daraus eine „Test-Pandemie“ werden?
Hier muss die Kritik präzise bleiben: Die WHO kann nicht allein deshalb eine Influenza-Pandemie feststellen, weil sehr viele Tests positiv sind. Nach ihrer eigenen Definition entsteht eine Influenza-Pandemie, wenn ein Virus die Fähigkeit zur anhaltenden Mensch-zu-Mensch-Übertragung entwickelt und in der Bevölkerung wenig oder keine Immunität dagegen besteht.
Für die neue höchste Alarmstufe der Internationalen Gesundheitsvorschriften, den „Pandemic Emergency“, müssen sogar mehrere Kriterien zusammenkommen, darunter internationale Gesundheitsgefahr, breite Ausbreitung beziehungsweise deren Risiko, drohende Überlastung der Gesundheitssysteme und erhebliche gesellschaftliche oder wirtschaftliche Auswirkungen.
Und ausgerechnet der aktuelle WHO-Bericht macht deutlich, wie groß der Abstand zu diesem Szenario derzeit ist: Für H5N1 sieht die WHO keine anhaltende Mensch-zu-Mensch-Übertragung und bewertet das globale Gesundheitsrisiko weiterhin als niedrig. Das sollte jedoch nicht vom eigentlichen Problem ablenken.
Eine zukünftige Pandemiepolitik darf nicht auf einer simplen Gleichung beruhen: positiver Test = kranker Mensch = gesellschaftlicher Notstand.
Nach Covid sollte diese Lektion eigentlich selbstverständlich sein. Laborbefunde sind ein wichtiges Frühwarnsystem. Aber wenn symptomfreie Infektionen gezählt werden, müssen Öffentlichkeit und Politik gleichzeitig erfahren, wie viele Menschen tatsächlich krank sind und wie schwer.
Denn am Ende entscheidet kein PCR-Gerät über Lockdowns, Schulschließungen, Reisebeschränkungen oder andere Grundrechtseingriffe. Diese Entscheidungen treffen Menschen in Behörden und Regierungen.
Und genau deshalb braucht eine zukünftige Pandemiepolitik mehr als steigende Testkurven: Sie braucht belastbare Belege dafür, dass eine Krankheit tatsächlich eine außergewöhnliche Gefahr für die Bevölkerung darstellt.
Sonst könnte aus einem sinnvollen Frühwarnsystem genau das werden, wovor Kritiker seit Covid warnen: eine Krise, deren statistische Dimension schneller wächst als ihre tatsächliche Krankheitslast.

