31. August 2026

allianz-erde.org

Medien- und Radioteam

Schmeckt wie Zitrone. Voller Vitamin C. Und die Leute hacken ihn weg, weil sie ihn für giftig halten

 

Hundert Gramm von den roten Beeren, um die es in diesem Video geht, liegen im Laden für viereinhalb Euro in der Tüte. An deiner Hecke kosten sie nichts. Es ist die Berberitze — Sauerdorn sagen wir hier —, sie schmeckt wie Zitrone, in hundert Gramm getrockneten stecken rund fünfundzwanzig Milligramm Vitamin C, und trotzdem wird sie seit Jahrzehnten weggehauen, weil die Leute sie für giftig halten. Ist sie nicht. Achtzehnhundertsechsundsechzig hat der deutsche Botaniker Heinrich Anton de Bary nachgewiesen, dass der Getreideschwarzrost zwei Pflanzen braucht, um durchs Jahr zu kommen: das Getreide im Sommer und die Berberitze im Frühjahr. Danach ist der Strauch aus den Hecken verschwunden — nicht verboten, sondern rausgehauen, über Jahrzehnte, in halb Europa, von Leuten, die genau wussten, was sie taten. Er stand dem Weizen im Weg. Den Griff zum Erkennen hast du in den ersten zwei Minuten: der Dorn ist dreiteilig wie ein kleiner Hirschfuß, und kratzt du mit dem Daumennagel die Rinde ab, ist das Holz darunter gelb wie ein Eidotter. Das ist das Berberin, mit dem man früher Wolle gefärbt hat, und in einer deutschen Hecke hat nichts anderes gelbes Holz.

Danach kommen sieben weitere Sachen, die auf jedem Hof hier gestanden haben und heute auf fast keinem mehr, und keine davon kostet dich Geld. Die Streuobstwiese mit dem Hochstamm, bei dem der erste Ast eineinhalb bis knapp zwei Meter über dem Boden anfängt — und die Hennen, die im August unter dem Baum die Maden aus dem Fallobst holen, bevor die in den Boden kommen. Die Bohnen an der Schnur, ganz aufgefädelt und in den Zug gehängt, mit der Probe dazu: brich eine durch, knackt sie glatt, ist sie fertig. Die Hurde über dem Ofen und nicht darauf, weil vierzig bis fünfzig Grad trocknen und hundert Grad kochen — der Unterschied ist ein halber Meter. Der Steinguttopf mit der Wasserrinne, ein Kilo Kohl auf zwanzig Gramm Salz, und die Rinne, die dir nie trockenfallen darf, weil sonst Luft zieht. Die Kiste mit feuchtem Sand an der Nordwand, in der die Möhre im März so herauskommt, wie sie im Oktober hineingegangen ist — die Probe gilt dem Sand, nicht dem Gemüse. Und der Eimer Asche neben dem Ofen: kalt, gesiebt, ein Teil auf drei Teile Sand, und die Henne sitzt den halben Nachmittag drin und wird ihre Milben los.

Nummer eins ist eine Henne, und für die habe ich das Video überhaupt aufgenommen. Ab neunzehnhundert hat ein Hamburger Kaufmann namens Oskar Vorwerk sie gezüchtet, neunzehnhundertzwölf in Hannover zum ersten Mal öffentlich gezeigt, anerkannt wurde sie neunzehnhundertneunzehn. Nach dem zweiten Krieg war von der ganzen Rasse noch übrig, was bei einem einzigen Züchter im Thüringer Wald stand: sechsundzwanzig Hennen und zwei Hähne. Aus diesen achtundzwanzig Tieren kommt jedes Vorwerkhuhn, das heute in Deutschland auf einem Hof steht. Warum sie fast weg war, ist keine Verschwörung, das ist Rechnen: hundertsiebzig Eier im Jahr gegen dreihundert bei der Legehybride. Was an den dreihundert dranhängt, sage ich auch, mit den Zahlen von heute — seit Anfang zweitausendzweiundzwanzig ist das Töten der männlichen Küken in Deutschland verboten, als erstes Land der Welt, und seitdem ist die Zahl der Brütereien für Legeküken von zweiundzwanzig auf vierzehn gefallen, weil die Bruteier jetzt in den Niederlanden, in Polen und in Österreich schlüpfen und nur die weiblichen Küken zurückkommen. Dazu der eine Satz, den du beim Hühnerkauf sagen musst, damit du ein Huhn kaufst und keine Linie. Und ganz am Ende der Monat, in dem du die Schlehe pflücken musst: es ist nicht der, in dem sie blau wird.