24. August 2026

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Frau Holle war keine Märchenfigur — was der Teich am Hohen Meißner verbirgt

 

Frau Holle war keine Märchenfigur — was der Teich am Hohen Meißner verbirgt

Auf einem Bergplateau in Nordhessen liegt ein dunkler Teich. Kein Fluss speist ihn, kein Bach führt hinaus. Ringsum Hochmoor, darunter Basalt. Ein Pfad führt hinauf, und er ist ausgetreten — seit sehr langer Zeit.

Offiziell ist die Sache ein Märchen: die fleißige und die faule Tochter, das Bett, das ausgeschüttelt wird, der Schnee, Gold und Pech. Aufgeschrieben von den Brüdern Grimm, gedruckt ab 1812.

Diese Spurensuche beginnt nicht mit einer Verschwörung, sondern mit dieser Version — und dann mit einer schlichten Feststellung: Eine erfundene Figur braucht keinen Berg.

Der Hohe Meißner ist real, und das Verhältnis zu ihm auch. Vom Kasseler Becken aus gesehen liegt auf diesem Plateau der Schnee, wenn im Tal längst keiner mehr liegt — ein Berg, der aussieht, als würde dort oben ausgeschüttelt. Im Berg wurde jahrhundertelang Braunkohle und Stein gebrochen: ein Berg, in den Menschen hineingehen.

Und der Teich hat eine eigene Überlieferung. Im 19. Jahrhundert wurden Bräuche aufgezeichnet, die sich um ihn ranken — vom Baden bis zu den ungeborenen Kindern, die aus dem Wasser kommen sollen. Moore sind zudem Archive: in Nordeuropa wurden über Jahrtausende Gaben in Gewässer gegeben.

Parallel dazu die Schriftquellen. Frühmittelalterliche Kirchentexte verbieten nächtliche Umzüge und Gaben an weibliche Gestalten und nennen dabei verschiedene Namen. Bußbücher stellen sehr konkrete Fragen, was jemand in den zwölf Nächten getan hat — und in einem Teil der Handschriften taucht ein Name auf, der an unseren erinnert. Das Verbot, in diesen Nächten zu spinnen, war so verbreitet, dass es in Ordnungen und Bußgeldern auftaucht.

Und ein Detail fällt auf, wenn man den Heiligenkalender ansieht: Er ist dicht besetzt. Für fast jeden Tag gibt es einen Namen. Für Holle gibt es keinen.

Ehrlich bleibt die Sache nur mit dem Gegenargument, und es ist gewichtig. Eine frühe Verbindung des Namens mit genau diesem Berg lässt sich nicht belegen. In den Kirchentexten überwiegen andere Namen. Die Aufzeichnungen des 19. Jahrhunderts stammen von Menschen, die die gedruckten Märchen bereits kannten — der Kreis kann sich schließen. Und die Forschung jener Zeit las Bräuche gern als Versteinerungen einer Urreligion, was heute als Methodenfehler gilt.

Deshalb die vorsichtige Fassung, die trägt: Nicht die Göttin ist bewiesen, sondern die Praxis. Menschen gingen zu diesem Wasser, bevor jemand die Geschichte aufschrieb, die es erklärt.

Was denkst du — was ist älter, der Brauch oder seine Erklärung? Und kennst du in deiner Gegend ein Gewässer, an das man aus einem Grund geht, den niemand mehr benennen kann?