308 Festnahmen wegen fahrlässiger oder vorsätzlicher Feuerverursachung, fast 2.700 Brände seit Beginn der Waldbrandsaison und dazu ein Stromnetz, das bei mehreren Großfeuern ins Visier der Ermittler geraten ist. Defekte im Stromnetz sollen heuer für rund drei Viertel der verbrannten Fläche in Griechenland verantwortlich sein. Hitze und Trockenheit begünstigen die Feuer – doch irgendwo muss der erste Funke schließlich herkommen.
Waldbrände in Griechenland gehören mittlerweile genauso zum medialen Sommerprogramm wie Meldungen über irgendwelche Hitzerekorde und den Klimawandel. Brennen erst einmal Wälder und Buschland, wird gleich die mittlerweile übliche Klimakarte gezückt. Dabei lohnt sich gerade in diesem Jahr ein genauerer Blick darauf, wie diese Feuer überhaupt entstehen. Denn die Zahlen der griechischen Feuerwehr zeichnen ein Bild, bei dem menschliches Handeln, technische Defekte und teilweise offenbar mangelhaft gewartete Stromleitungen eine wesentlich größere Rolle spielen, als man es den Medienkonsumenten verkaufen möchte.
Weitere Informationen finden Sie in der Transparenzbekanntmachung.
Allein seit Jahresbeginn wurden nach Angaben des Feuerwehrsprechers Giannis Artopoios 308 Menschen im Zusammenhang mit der Entstehung von solchen Bränden festgenommen. 272 Festnahmen entfielen auf fahrlässige Feuerverursachung, 36 auf vorsätzliche Brandlegung. Fahrlässigkeit ist nach wie vor die Hauptursache solcher Vegetationsbrände. Offenes Feuer, Arbeiten mit Funkenflug oder andere Tätigkeiten können unter den trockenen Bedingungen ausreichen, um einen Brand auszulösen. Und an Gelegenheiten mangelt es nicht. Bis zum 13. August hatte die griechische Feuerwehr seit Beginn der Waldbrandsaison bereits knapp 2.700 Vegetationsbrände bekämpft, mehr als 500 davon allein seit Anfang August. Das zuständige Ministerium bezeichnete die Zahl selbst als enorm.
Drei Viertel der verbrannten Fläche durch Stromnetzprobleme?
Noch interessanter wird es allerdings beim Stromnetz. Reuters veröffentlichte Mitte August Daten der griechischen Einheit zur Bekämpfung von Brandstiftungsdelikten, wonach mutmaßliche Ausfälle und Defekte elektrischer Netze für etwa 75 Prozent der in diesem Jahr verbrannten Fläche verantwortlich sein sollen. Einige wenige Großbrände reichen aus, um diese Statistik entsprechend nach oben zu treiben. Wenn man bedenkt, dass das griechische Verteilnetz rund 250.000 Kilometer lang ist, und ein erheblicher Teil davon als Freileitung durch ländliche Regionen, Buschland und Wälder führt, wird deutlich, wie hoch das Risiko eigentlich ist. Denn gerade dort sind Kontrolle und Wartung aufwendig. Bäume und Buschwerk müssen von Leitungen und Masten ferngehalten, Isolatoren und Verbindungen kontrolliert und durchhängende oder beschädigte Leitungen rechtzeitig repariert werden. Werden solche Arbeiten vernachlässigt, kann bei starkem Wind ein Kurzschluss oder Lichtbogen genügen, um das im griechischen Hochsommer oftmals reichlich vorhandene trockene Brennmaterial zu entzünden.
Das Problem kommt nicht von ungefähr. Während der griechischen Schuldenkrise von 2009 bis 2018 wurde jahrelang zu wenig in das Stromnetz investiert. HEDNO hat seine jährlichen Investitionen mittlerweile zwar von rund 150 Millionen Euro im Jahr 2019 auf etwa 800 Millionen Euro erhöht und verlegt nach eigenen Angaben inzwischen etwa 1.800 Kilometer Leitungen pro Jahr unter die Erde. Bei einem Netz von einer Viertelmillion Kilometern lässt sich der bestehende Investitionsstau allerdings nicht innerhalb weniger Jahre beseitigen.
Windpark-Leitungen offenbar mangelhaft gewartet
Welche Folgen solche Mängel haben können, zeigte Ende Juli der Großbrand bei Agios Vasileios westlich von Athen, über den Report24 bereits berichtet hat. Dort führte die Spur zu einem privaten Stromnetz des Windparks Mavro Spithari. Nach einem der Feuerwehr vorliegenden Untersuchungsbericht könnten starke Winde Funken von einem Kurzschluss oder von schwingenden Stromleitungen weitergetragen haben. Innerhalb weniger Stunden standen Wälder, Olivenhaine und Wohngebiete in Flammen. Zwei Besatzungsmitglieder eines Löschhubschraubers kamen ums Leben, als zwei Maschinen während der Brandbekämpfung in der Luft kollidierten.
Bereits am 27. Juni, gut einen Monat zuvor, war nur wenige hundert Meter entfernt ein kleineres Feuer ausgebrochen. Auch damals vermuteten die Ermittler einen Kurzschluss im selben privaten Netz. Der Bericht sprach ausdrücklich von wiederkehrenden Problemen beim Betrieb beziehungsweise Zustand der Anlage. Zwei Leiter könnten sich berührt haben – und auch die Wartung wurde beanstandet. Unter anderem sei der Bereich rund um die Strommasten nicht ordnungsgemäß von Vegetation freigehalten worden. Drei Menschen wurden nach dem späteren Großbrand festgenommen. Der Betreiber Interphoton Investment Group wollte sich gegenüber Reuters während der laufenden Ermittlungen nicht zur Brandursache äußern.
Auch bei einem weiteren der größten griechischen Brände dieses Sommers auf Kreta brachte die Feuerwehr defekte Stromleitungen mit dem Feuer in Verbindung. Beim Feuer um Krya Vrysi kamen zwei Feuerwehrleute ums Leben, zahlreiche Ortschaften mussten evakuiert werden. Wegen des Verdachts, dass Versäumnisse am Stromnetz zur Katastrophe beigetragen hatten, wurde gegen einen für Wartung und Kontrolle des DEDDIE-Netzes verantwortlichen Mitarbeiter ermittelt. Die Staatsanwaltschaft warf ihm schließlich Brandstiftung mit bedingtem Vorsatz durch Unterlassung vor.
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Der Netzbetreiber HEDNO hält dagegen und verweist darauf, dass historisch deutlich weniger als ein Prozent aller Brände mit seinem Verteilnetz zusammenhängen sollen. Das widerspricht der Angabe der Brandermittler von 75 Prozent der verbrannten Fläche allerdings nicht zwangsläufig. Ein Prozent der Brände kann einen weit größeren Teil der Fläche vernichten, wenn daraus einige der größten Feuer entstehen. Hinzu kommt, dass etwa die Leitungen des Windparks bei Agios Vasileios privat betrieben wurden und überhaupt nicht zum HEDNO-Netz gehören.
Doch mediterrane Sommertage mit 40 Grad setzen trotzdem noch keinen Wald in Brand. Zwar unterstützen Trockenheit, niedrige Luftfeuchtigkeit und starke Winde die Ausbreitung von solchen Feuern, doch zuerst braucht es auch Auslöser dafür – sowie begünstigende Umstände, wie beispielsweise fehlende Brandschneisen und andere effektive Präventivmaßnahmen. Doch dann könnte man ja nicht den bösen Klimawandel dafür verantwortlich machen, oder?
Waldbrände in Griechenland: 308 Festnahmen – und Stromnetze als Brandquelle
