436 nach Christus. Worms am Rhein. Fünfundzwanzigtausend Menschen leben hier — Burgunder, die seit fast dreißig Jahren am Rhein siedeln, Felder bestellen und Grenzen für Rom halten.
Bis zum Abend dieses Tages sind zwanzigtausend von ihnen tot.
Nicht durch einen feindlichen Angriff. Nicht durch eine Naturkatastrophe. Sondern durch einen einzigen Befehl.
Flavius Aetius, der mächtigste General des Weströmischen Reiches, schickt hunnische Söldner. Er braucht den Vorwand — die Burgunder hatten ihre Grenzen überschritten. Den eigentlichen Grund kennt er selbst am besten: Ein Föderatenvolk das zu groß, zu selbstbewusst und zu schwer zu lenken geworden ist.
In einem Satz des Chronisten Prosper von Aquitanien überlebt dieser Tag das Mittelalter. Achthundert Jahre später schreiben Dichter das Nibelungenlied. Gunther. Hagen. Kriemhild. Siegfried. Das größte Heldenepos der deutschen Literatur — gebaut auf den Knochen von Worms 436.
Und der Mann der den Befehl gab? Er verschwindet vollständig aus der Legende. Weil Staatsräson kein Stoff für Epen ist.
