24. August 2026

allianz-erde.org

Medien- und Radioteam

Sturmgewehre und Handgranaten: Schleppermafia rüstet an Frankreichs Migrantenküste auf

 

Sturmgewehre in Migrantenlagern, Handgranaten im Boden und tödliche Revierkämpfe zwischen rivalisierenden Schlepperbanden: An der französischen Kanalküste hat sich ein hochprofitables kriminelles Milieu festgesetzt. Ein hochrangiger britischer Grenzschutzbeamter bestätigt nun erneut weitere Waffenfunde. London pumpt derweil weitere hunderte Millionen Pfund in Frankreichs Grenzschutz – während das eigentliche Geschäftsmodell der Schlepper unangetastet bleibt.

Drei Gewehre, mehr als 340 Schuss Munition, drei Kalaschnikow-Magazine und fünf Handgranaten: Dieses Arsenal holten französische Ermittler bereits im Juni 2023 aus dem Boden eines Migrantenlagers bei Loon-Plage unweit von Dunkerque. Dreizehn mutmaßliche irakische Schlepper gingen den Behörden damals ins Netz. Und das ist nur ein Beispiel von vielen. Seit Jahren liefern sich rivalisierende Gruppen entlang der nordfranzösischen Küste Schießereien um Strandabschnitte, Abfahrtsorte und das Millionengeschäft mit der illegalen Überfahrt nach Großbritannien.

POLITISCHE ANZEIGE im Auftrag des FREIHEITLICHEN PARLAMENTSKLUBS
Weitere Informationen finden Sie in der Transparenzbekanntmachung.

Der britische Grenzschutz liefert nun einen weiteren Fund. Charlie Eastaugh, Director of Maritime and Small Boats beim Border Security Command, erklärte, französische Behörden hätten in Migrantenlagern in Nordfrankreich mehrfach Schusswaffen entdeckt, darunter auch Sturmgewehre. Eastaugh schilderte zugleich eine zunehmende Gewalt an den Stränden. Französische Polizisten würden mit Steinen und schweren Stöcken attackiert, wenn sie versuchten, Boote aufzuhalten. Hinter einem Teil dieser Gewalt stehen nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden Schlepper, die ihre Geschäfte und Reviere verteidigen. Von der einfachen Organisation von Schlauchbooten und Überfahrten nach England ist man mittlerweile weit entfernt. Das ist inzwischen ein großes Geschäft.

Die Strände sind unter Schleppergruppen aufgeteilt

Wie weit diese Strukturen reichen, dokumentierte die Global Initiative Against Transnational Organized Crime bereits 2024 in der Untersuchung „Small Boats, Big Business – The Industrialization of Cross-Channel Migrant Smuggling„. Die Forscher recherchierten unter anderem in Frankreich, Großbritannien und dem Irak und führten Gespräche mit Migranten, Schleppern und Personen aus deren Umfeld. Nach ihren Erkenntnissen übernahmen irakisch-kurdische Netzwerke seit etwa 2019 beziehungsweise 2020 große Teile des Geschäfts um Calais und Dünkirchen. In Dünkirchen kontrollierten solche Gruppen zum damaligen Recherchezeitpunkt praktisch den gesamten Markt.

Dabei geht es nicht nur um lose Netzwerke. Die Banden teilten Küstenabschnitte nach ihren Herkunftsregionen im irakischen Kurdistan untereinander auf. Gruppen aus Erbil, Sulaimaniya, Ranya oder Sharazoor beanspruchten bestimmte Gebiete und Startpunkte für sich. Besonders Netzwerke aus Ranya verfügten laut GI-TOC über beträchtlichen Einfluss rund um Calais und Dünkirchen. Wer seine Boote im Revier einer konkurrierenden Gruppe starten wollte, riskierte brutale Angriffe. Die Forscher dokumentierten Konflikte, die bis hin zu Mord eskalierten.

Noch deutlicher wird das Bild bei der Bewaffnung. Ein unter dem Pseudonym „Karwan“ interviewter Schlepper leitete laut GI-TOC eine etwa 15 Mann starke Gruppe in Calais und gab offen an, automatische Waffen und Pistolen zu besitzen. Seine Leute beschafften Waffen über Kontakte auf dem Balkan. Ein anderer Schlepper berichtete von Pistolen, AK-47 und Munition, die über nordafrikanische Kontakte auf dem französischen Schwarzmarkt gekauft würden. Bewaffnete Helfer der Netzwerke trugen nach den Recherchen teilweise Kalaschnikows, Revolver und sogar Granaten. Sozialarbeiter berichteten zugleich von Patronenhülsen rund um das Lager von Loon-Plage.

Früher trugen nach Angaben aus dem Schleppermilieu vor allem die höheren Ebenen Waffen. Mit dem wachsenden Geschäft gelangten sie zunehmend auch in die Hände einfacher Helfer und Wachposten. Das ergibt aus Sicht der Banden durchaus Sinn: Wer einen Strand kontrolliert, kontrolliert Abfahrten – und damit Einnahmen. Die Waffe dient dabei nicht nur dem Schutz vor Konkurrenten, sondern auch der Einschüchterung von Migranten und damit auch der Absicherung des eigenen Geschäfts.

80 Schüsse neben dem Migrantenlager

Wie diese Revierkämpfe aussehen können, zeigte sich am 8. März 2024. Rund um Loon-Plage fielen nach Angaben der Polizeigewerkschaft Unité SGP Police etwa 80 Schüsse. Die eingesetzten Beamten gingen davon aus, dass der Großteil davon aus automatischen Waffen stammte. Als Ursache galt ein Konflikt zwischen Schleppergruppen. Schon zwei Jahre zuvor hatten Ermittler nach einer tödlichen Schießerei bei Grande-Synthe abgefeuerte Munition von Kriegswaffen gefunden. Ein kurdischer Migrant starb, ein weiterer Mann erlitt Schussverletzungen. Der Staatsanwalt von Dünkirchen sprach damals ausdrücklich von einem Hintergrund des Menschenschmuggels. Später entdeckte man dort ebenfalls Waffenlager.

POLITISCHE ANZEIGE im Auftrag des FREIHEITLICHEN PARLAMENTSKLUBS
Weitere Informationen finden Sie in der Transparenzbekanntmachung.

Im Juni 2025 folgte die nächste Eskalation. Bei einer Schießerei nahe Loon-Plage starb am 14. Juni ein Mensch, fünf weitere erlitten Verletzungen. Einen Tag später fielen im Lager erneut Schüsse. Insgesamt kamen an diesem Wochenende drei Menschen ums Leben, sieben weitere wurden verletzt. Auch hier eskalierte die Lage im Schleppermilieu.

Die Schlepperroute ist ein Millionengeschäft

GI-TOC bezifferte den Umsatz der Kanal-Schlepperei für das Jahr 2022 auf geschätzt rund 150 Millionen Euro. Einzelne Netzwerke sollen monatlich mehr als eine Million Dollar verdienen können. Die Rechnung ist simpel: Ein Boot samt Motor und Logistik kostete nach damaligen Schätzungen ungefähr 10.000 Euro. Sitzen 50 Menschen an Bord und zahlt jeder 2.000 Euro, stehen rund 100.000 Euro Einnahmen auf der anderen Seite. Größere Boote und höhere Preise treiben die Marge noch weiter nach oben. Aus dieser Rechnung erklärt sich auch, weshalb die Schlepper um ihre Strandabschnitte kämpfen. Für sie sind diese Küstenstreifen ihr Geschäftsgebiet. Ein kontrollierter Abfahrtsort kann innerhalb weniger Nächte Einnahmen in sechsstelliger Höhe ermöglichen. Rivalen bedrohen damit unmittelbar das Geschäft.

Europol beschreibt entsprechend hochprofessionelle Strukturen. Anfang 2024 zerschlugen Ermittler ein großes irakisch-kurdisches Netzwerk, das seine Logistik unter anderem von Deutschland aus organisierte. Dort lagerten die Täter Schlauchboote, Motoren und weiteres Material und transportierten alles anschließend Richtung Frankreich. Spezielle Fahrzeuge konnten mehrere Boote gleichzeitig bewegen, Begleitfahrzeuge warnten vor Polizeikontrollen. Bei günstiger Wetterlage konnte das Netzwerk mehrere Überfahrten in einer einzigen Nacht organisieren.

Schon 2022 hatten Ermittler bei einer grenzüberschreitenden Operation gegen ein solches Netzwerk nicht nur rund 150 Schlauchboote und zahlreiche Motoren, sondern auch Schusswaffen und Drogen sichergestellt. Europol ging damals davon aus, dass dieses Netzwerk zeitweise ungefähr die Hälfte des entsprechenden Schleppermarktes kontrollierte.

London zahlt – die Schlepper passen sich an

Großbritannien reagiert auf diese Entwicklung mit immer mehr Geld und immer mehr Polizei. Das im April 2026 vereinbarte Abkommen mit Frankreich sieht 500 Millionen Pfund für verstärkte Grenzkontrollen vor. Weitere 161 Millionen Pfund stehen für zusätzliche Maßnahmen bereit. Insgesamt geht es damit um bis zu 661 Millionen Pfund. Die Zahl der von London mitfinanzierten Kräfte soll von 907 auf 1.392 steigen. Dazu kommen Spezialeinheiten, Drohnen, Hubschrauber, Kameras und weitere Überwachungstechnik.

Die Schlepper reagieren darauf längst mit neuen Methoden. Sie organisieren parallele Starts, um Polizeikräfte zu binden, setzen sogenannte Taxi-Boote ein und verlagern Abfahrten. Gleichzeitig wachsen die Schlauchboote. Statt einiger Dutzend Menschen quetschen die Organisatoren inzwischen teilweise weit mehr als hundert Passagiere auf ein einziges Gefährt. Ein Boot transportierte laut Eastaugh zuletzt etwa 260 Menschen.

Der Staat steckt damit immer größere Summen in die Bekämpfung der Symptome eines Systems, dessen ökonomischer Kern weiterbesteht. Ein Platz im Schlauchboot besitzt einen hohen Wert, weil die erfolgreiche Überfahrt nach Großbritannien für den Passagier eben nicht automatisch mit der sofortigen Abschiebung endet. Diese Nachfrage ermöglicht die dreistelligen Millionenumsätze der Schlepperbanden. Und genau um diese Umsätze schießen sich rivalisierende Gruppen inzwischen gegenseitig über den Haufen.

 

Sturmgewehre und Handgranaten: Schleppermafia rüstet an Frankreichs Migrantenküste auf