1. September 2026

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Medien- und Radioteam

Die Warnungen vor der KI-Blase werden lauter – jetzt schlägt sogar einer der mächtigsten Finanzaufseher Alarm

 

Jahrelang kannte der KI-Boom fast nur eine Richtung: nach oben. Milliarden wurden zu Hunderten Milliarden, aus Hunderten Milliarden wurden Billionen. Künstliche Intelligenz soll die Produktivität revolutionieren, ganze Branchen verändern und einen neuen wirtschaftlichen Wachstumsschub auslösen. An den Finanzmärkten wurde diese Zukunft längst eingepreist.

Doch inzwischen werden die Warnungen vor den Folgen dieser Euphorie immer lauter. Und sie kommen nicht mehr nur von skeptischen Investoren oder Analysten. Jetzt warnt Andrew Bailey, Gouverneur der Bank of England und zugleich Vorsitzender des internationalen Financial Stability Board (FSB), die Finanzminister und Zentralbankchefs der G20 ausdrücklich vor den Risiken des KI-Booms für die Weltwirtschaft.

Bailey spricht von der Gefahr einer „potenziell ungeordneten Korrektur“, die sich über Ländergrenzen hinweg ausbreiten könnte. Besonders problematisch sei das Zusammentreffen extrem hoher Bewertungen mit wachsendem finanziellen Hebel, einer starken Konzentration des Marktes auf wenige Unternehmen und zunehmenden gegenseitigen Investitionen zwischen KI-Firmen und den großen Cloud- und Technologiekonzernen.

Seine Warnung ist bemerkenswert, weil sie aus dem Zentrum des internationalen Finanzsystems kommt. Das Financial Stability Board wurde nach der globalen Finanzkrise geschaffen, um genau jene Risiken zu erkennen, die sich von einzelnen Märkten auf das gesamte Finanzsystem übertragen können.

Bailey sieht inzwischen die Gefahr, dass ein großer Schock – oder mehrere gleichzeitig – verschiedene Schwachstellen des Finanzsystems auf einmal treffen könnten. Die bereits angespannten Staatsanleihemärkte könnten einen solchen Einbruch zusätzlich verschärfen.

Die Größenordnungen erklären seine Sorge.

Nvidia wurde vergangene Woche mit rund 5,1 Billionen Dollar bewertet und ist damit zum wertvollsten Unternehmen der Welt aufgestiegen. Allein der Chiphersteller stellt mittlerweile mehr als sieben Prozent des gesamten S&P 500. OpenAI wurde im März mit 852 Milliarden Dollar bewertet und strebt für einen möglichen Börsengang 2027 mindestens eine Billion Dollar an. Anthropic erreichte nach seiner jüngsten Finanzierungsrunde eine Bewertung von 965 Milliarden Dollar.

Hinter diesen astronomischen Zahlen steht allerdings eine Wette auf die Zukunft. Die Bank of England weist darauf hin, dass die Bewertungen der KI-Unternehmen auf Gewinnerwartungen beruhen, die „höchst unsicher“ sind.

Genau darin liegt die Gefahr.

Die Unternehmen müssen künftig enorme Gewinne und Produktivitätssteigerungen liefern, damit die heutigen Bewertungen wirtschaftlich gerechtfertigt werden können. Je höher die Kurse und Unternehmensbewertungen steigen, desto größer wird die Fallhöhe, falls diese Erwartungen nicht erfüllt werden.

Hinzu kommt eine zunehmend schwer durchschaubare Verflechtung innerhalb der Branche. Die großen Technologiekonzerne investieren Milliarden in KI-Unternehmen, während diese wiederum enorme Summen für Chips, Rechenzentren und Cloud-Leistungen derselben Konzerne ausgeben. Bailey verweist ausdrücklich auf diese zunehmenden gegenseitigen Investitionen zwischen KI-Unternehmen und sogenannten Hyperscalern.

Solange immer neues Kapital zufließt und die Bewertungen steigen, verstärkt sich der Boom selbst. Problematisch wird es, wenn Investoren irgendwann zu dem Schluss kommen, dass die erwarteten Gewinne mit den eingesetzten Summen nicht Schritt halten.

Dann könnte eine Neubewertung sehr schnell erfolgen.

Und ein Absturz der großen KI-Unternehmen wäre längst kein isoliertes Problem des Technologiesektors mehr. Nvidia steckt in praktisch jedem großen amerikanischen Aktienindex. Pensionsfonds, Versicherungen, ETFs, Banken und Millionen Privatanleger sind direkt oder indirekt investiert. Was wenige gigantische Technologiekonzerne nach oben zieht, kann bei einer Korrektur denselben Mechanismus in die Gegenrichtung auslösen.

Die Parallele zur Dotcom-Blase drängt sich deshalb auf, auch wenn sie häufig falsch verstanden wird. Das Internet war keine Blase. Die Bewertungen vieler Internetunternehmen waren es.

Die Technologie veränderte anschließend tatsächlich die Welt, während zahlreiche Unternehmen verschwanden und Anleger enorme Summen verloren.

Bei künstlicher Intelligenz könnte sich ein ähnlicher Widerspruch zeigen: KI kann eine revolutionäre Technologie sein und gleichzeitig Gegenstand einer gewaltigen Spekulationsblase.

Der Unterschied zu früher liegt in der Dimension und der Verflechtung mit dem Finanzsystem. Die Bank of England hatte bereits im Juli vor einer möglichen Aktienblase, zunehmenden Cyberrisiken und immer komplexeren und undurchsichtigeren Schuldenstrukturen im Zusammenhang mit KI gewarnt. Bailey verschärft diese Warnung nun auf internationaler Ebene.

Dabei geht es nicht darum, dass Investoren lediglich mehr Kredite aufnehmen. Bailey betont ausdrücklich, dass die eigentliche Gefahr aus dem Zusammenspiel von Verschuldung, extremen Bewertungen und der Konzentration auf wenige Unternehmen entsteht.

Das macht die Situation besonders empfindlich gegenüber einem plötzlichen Stimmungswechsel.

Solange Investoren daran glauben, dass KI tatsächlich die versprochenen Produktivitätssprünge und Gewinne liefern wird, können die Bewertungen weiter steigen. Sobald dieser Glaube Risse bekommt, könnte sich jedoch herausstellen, wie viel der heutigen Billionenwerte auf realen Erträgen beruht – und wie viel auf Erwartungen.

Dazu kommt ein zweites Risiko, das mit Börsenbewertungen zunächst nichts zu tun hat. Die Bank of England warnt vor wachsenden Cybergefahren durch immer leistungsfähigere KI-Systeme. Banken und Finanzunternehmen hängen gleichzeitig zunehmend von wenigen großen Technologie- und Cloud-Anbietern ab. Ein erfolgreicher Angriff auf einen zentralen Dienstleister könnte deshalb zahlreiche Finanzunternehmen gleichzeitig treffen und damit ein systemisches Problem erzeugen.

Bailey sagt nicht voraus, dass eine neue Finanzkrise unmittelbar bevorsteht. Seine Warnung ist jedoch deutlich: Die Märkte seien anfällig für eine ungeordnete Korrektur, die sich international ausbreiten könne.

Das Bemerkenswerte ist deshalb weniger die einzelne Warnung als die Tatsache, wer inzwischen warnt.

Noch vor wenigen Jahren wurde fast ausschließlich darüber gesprochen, wie stark KI die Wirtschaft wachsen lassen werde. Heute beschäftigen sich Zentralbanken und internationale Finanzaufseher zunehmend mit der gegenteiligen Frage: Was passiert, wenn die Billionenwette auf KI nicht aufgeht?

Die Ironie ist kaum zu übersehen.

Ausgerechnet die Technologie, die den nächsten großen Wirtschaftsboom auslösen soll, ist inzwischen so groß geworden, dass ihr Scheitern selbst zum Risiko für die Weltwirtschaft werden könnte.

 

Die Warnungen vor der KI-Blase werden lauter – jetzt schlägt sogar einer der mächtigsten Finanzaufseher Alarm